Die aktuelle Flüchtlings- und Zuwanderungsthematik stellt (neben der gesamten Gesellschaft) auch die Bauwirtschaft und die ArchitektInnen vor neue Aufgaben. Ob wir darin überwiegend eine Bedrohung oder eine Chance sehen, hängt von der jeweiligen Weltsicht ab und von der Auseinandersetzung mit den Ursachen und Hintergründen. Wegen des herrschenden Bevölkerungsschwunds und der demographischen Entwicklung könnte Europa Zuwanderung grundsätzlich gut brauchen.

Die Voraussetzung gelingender Integration ist ein eilig-beherzter, leistbarer und würdevoller Umgang mit den ZuwanderInnen und erfordert dementsprechende Lösungen. Die Behausungsfrage ist in diesem Zusammenhang eines der drängendsten Themen. Ohne Angebot an angemessener Behausung gelingt Integration nicht.

„Leistbarkeit“ ist dafür ein Schüsselkriterium. Eine Gesellschaft, in der Differenzen (zwischen Reich und Arm) schon vor dem aktuellen Problem (zu) groß sind, scheint schnell überfordert. Daher reicht die Frage der Leistbarkeit von (Wohn-)raum (die Kostenfrage) tiefer, als die aktuelle Situation vermuten lässt.

Durch dieses aktuelle Thema werden folgende Probleme deutlicher sichtbar:

  • Die horrend wachsenden Boden-, Bau- und Betriebskosten lassen angemessenen Wohnraum für große Teile der Bevölkerung mittlerweile unerreichbar werden.
  • Schon vor dem Zuwanderungsstrom bestand ein Mangel an leistbarem Wohnraum. Diese Tatsache verschärft die Teilung der Gesellschaft.

Jenseits der Frage nach den tief reichenden Ursachen macht die zugespitzte Situation eine Diskussion und Reflexion der Standards unerlässlich: Brandschutz, Sicherheitsbelange, Behindertengerechtigkeit, Schallschutz (hausintern und hausextern) ökologische und energetische Ansprüche, gewachsener Flächenbedarf und Komfortanspruch haben neben diversen Leitbildern und (teils verständlichen) gesellschaftlichen Entwicklungszielen aber auch Lobbyinteressen die Kosten in enorme Höhen getrieben. Bezüglich all dieser Punkte muss sich unsere Gesellschaft die Frage nach ihren Werten und Zielen stellen.

  • Die Flüchtlingsthematik erhöht somit die Notwendigkeit, Fragen der Sinnhaftigkeit und Angemessenheit heutiger Standards zu stellen um baurelevante Regelwerke allenfalls neu zu justieren. Jedenfalls sind die meisten der jüngeren politischen Vorgaben (siehe Oberösterreichs Wohnbaugrundlagen) ungeeignet, um die Teilung der Gesellschaft aufzuhalten und zukunftsfähige Entwicklungen zu garantieren.
  • Konkrete Kostenreduktion stellt sich (nach den Grundsatzfragen zu Angemessenheit und Verträglichkeit) als eine Aufgabe dar, die eines sehr großen (Insider)Wissens und großer hochbau-, haus- und produktionstechnischer Erfahrung bedarf. (Das ist der erste Grund wieso dem Semesterprojekt das Bausystem AllQuartier* zu Grunde gelegt wird; der zweite liegt in dem gewünschten Projektfokus auf Fragen der städtebaulichen Disposition und der siedlungs- typologischen Gestaltung.)

AUFGABENSTELLUNG

  • Es geht um den Entwurf und die Gestaltung von 2-3 Wohnsiedlungen mit bis zu 200 Einheiten. Die Aufgabe ist dezidiert nicht „Wohnen für ZuwanderInnen“, sondern fragt nach einem Wohnangebot für alle Bevölkerungsschichten. Mit dem diözesanseigenen Grundstück nordöstlich des Petrinums steht in Linz bereits ein Bauplatz zur Verfügung. In Wien und München sollen weitere dazu kommen.
  • Systemgrundlage des Entwurfes ist das von einer Gruppe Lehrender und AbsolventInnen der Kunstuniversität Linz entwickelte und sich weiter in Entwicklung befindliche Bausystem AllQuartier*.
  • Im Sinne von Kostenreduktion, Arbeitsintegration und Selbsthilfe sollen Möglichkeiten von Selbstbau ausgeschöpft und Ermöglichungsräume für selbstorganisierte Aktivitäts- und Arbeitsformen geschaffen werden.
  • Auf der städtebaulichen Ebene geht es um konkrete Variantenentwürfe, um die Gestaltung der Freiräume und um Funktionserweiterungen für diverse Arbeitsformen im Erdgeschoss: Werkstätten, Läden, Lagerflächenund Dienstleistungen. Urbane Qualitäten und Bebauungsdichten um 2.0 (Geschossflächenzahl) sind gewünscht.
  • Neben den städtebaulichen Themen liegt der Arbeitsauftrag in der Detaillierung, der Vertiefung und der Variantenerweiterung des Bausystems AllQuartier*. Es kann individuell gewählt werden: Fassadengestaltung, Grundrissvarianten (ein Mehr an Zweizimmer-Wohnungen), Lösungen mit Aufstiegshilfe, Wohnungsausbau (vom Hochbaudetail bis zu Möblierungsvorschlägen), Freibereiche, Farbgestaltung, künstlerische Interventionen, und Detail-Vorschläge für erforderlicher Nebenräume wie Lager, Fahrrad- und Kinderwagenabstellbereiche, Gartengeräteboxen, PKW- und Carsharing-Stellplätze.