Das Kurhotel von Bad Goisern, Roland Gnaiger

Im März 2011 schrieben wir für die Architekturstudierenden der Linzer Kunstuniversität als Semesterthema die Planung eines Kurhotels für Bad Goisern aus. Neun Studierende, der größere Teil aus fortgeschrittenen Semestern, stellten sich dieser Aufgabe. Ich hatte zu dieser Zeit gerade eine Studie zur Errichtung von drei Wellneshotels abgeschlossen und war mit dem Thema auf das Beste vertraut. Dass in Goisern die Planung eines neuen Kurhotels auf der Tagesordnung stand, erfuhr ich aus einem Artikel der Ischler Rundschau. Nach etlichen erfolglosen Betriebsjahren musste die Gemeinde, mit Hilfe des Landes, das Jodschwefelbad und die Verantwortung für seine Zukunft – eher unfreiwillig – übernehmen.

Es stand einiges am Spiel, war doch die Identität von Bad Goisern, seine Ernennung zum Kurort und die wirtschaftliche Grundlage der Gemeinde seit hundert Jahren auf das engste mit dem Jodschwefelbad verbunden. Im erwähnten Zeitungsbeitrag wurde von der Absicht berichtet, das 1954 errichtete Haus abzubrechen und zur Gänze durch einen Neubau zu ersetzen. Als Ziel galt es, einen Betreiber zu finden mit dem eine Wiederbelebung einstiger Badekultur, eine Steigerung der Nächtigungszahlen und die daraus folgende kommunale Wertschöpfung gelingen sollte.

Nicht nur kritisch interessiert, auch persönlich fühlte ich mich von dieser Nachricht betroffen, denn Bad Goisern, und sein Kurhotel im Besonderen, nehmen in meiner eigenen Geschichte einen exklusiven Platz ein.

Während der meine Kindheit jährlich begleitenden Sommerfrische bei meinen Großeltern in Bad Goisern war dieses Haus wiederholt der Ort ausgewählter Ereignisse und Familienfeste und das zum Hotel gehörende, öffentlich zugängliche Freibad hat mir glückliche Sommerwochen mit unvergesslichen Erlebnissen beschert.

Die damals nicht alltäglich noble und urbane Atmosphäre von Bad und Hotel, seine moderate Nachkriegsmoderne und gelassene Großzügigkeit waren mir in meiner jungen Architekturpraxis eine verlässliche Referenz. Meine intuitive Wertschätzung wurde fachlich abgesichert, als ich während der 1970er Jahre sukzessive zu meiner architektonischen Unterscheidungsfähigkeit und Urteilskraft fand.

Das heute stillgelegte Kurhotel ist und war in seiner formalen Zurückhaltung und Eleganz, bezüglich seiner Einbettung in den kulturellen Kontext der 1950er Jahre und seiner Geländeeinbindung und Außenraumgestaltung (einschließlich des längst abgebrochenen Freibads mit Musikpavillon) ein Vorzeigeprojekt, das gemessen an den verunglückten Bauten, welche in den folgenden Jahrzehnten im Geiste von Regionalismus und Postmodernismus das Bauen in Goisern dominierten, ein wahrer Licht- und Orientierungspunkt. Und dies ist bis heute so geblieben – bedauerlicherweise. Denn dieser Befund spricht weniger für die Qualität dieses Hauses als gegen die Unkultur, die seit 50 Jahren das Bauen nicht nur in Goisern, sondern im gesamten Inneren Salzkammergut bestimmt. Während selbst aus historisch weniger begünstigten oberösterreichischen Grenzregionen, wie dem Mühlviertel, aber auch dem Innviertel, seit Jahren immer wieder Beispiele architektonischen Aufbruchs und Neubeginns aufleuchten, bleibt es im Inneren Salzkammergut ausdauernd dunkel. Selbst zum Holzbau, der zum Katalysator zeitgemäßer Baukultur geworden ist und im österreichischen Kontext für eine neue kulturelle Identität ländlicher Regionen steht, trägt diese traditionell so profilierte Holzbauregion nichts Erwähnenswertes bei. Es scheint als verschließe sich das Innere Salzkammergut nahezu programmatisch jeder Entwicklung zum Besseren. Dies bleibt vor dem Hintergrund der reichen Vergangenheit des Salzkammerguts, seiner großartigen Geschichte und Baugeschichte und erst recht angesichts seines Status als Welterberegion gänzlich unverständlich. Wer seinen Blick auf die Gegenwart und Zukunft zur Gänze durch den in die Vergangenheit ersetzt, verspielt sein Erbe. In diese Wunde müssen jene, die diese Region lieben, ihre Finger legen – auch in dieser Weise kann man einer Gegend seine Liebe erklären.

Ein bedeutsames, wirklich gut gemachtes Bauwerk, mit Atmosphäre und Ausstrahlung kann eine Region verändern, ihr zumindest einen kräftigen Impuls versetzen. Dafür gibt es überprüfbare Beispiele! Ein Kurhotel hätte dazu exzellente, die am besten geeigneten Voraussetzungen.

Als unser Vorschlag, die Ergebnisse unserer Entwurfsübungen in Goisern vorzustellen, auf wenig bis keine Resonanz stieß, sahen wir dies weniger gegen unsere Arbeiten gerichtet, als vielmehr als Ausdruck der kulturellen Befasstheit des Inneren Salzkammerguts. Umso mehr schien es uns wichtig, über die an der oberösterreichischen Architekturschule entwickelten, von Birgit Kornmüller, Michael Zinner und mir betreuten Entwürfe eine Architekturdiskussion anzustoßen. Mit viel Engagement haben sich die Studierenden der Aufgabe gestellt und dabei eine beachtliche Variantenvielfalt und –wichtiger noch – Bearbeitungstiefe erreicht. Diese Beiträge werden den radikal veränderten Ansprüchen an Funktion und zeitgemäßem Kurerlebnis gerecht, wie auch den Ansprüchen die Bad Goisern mit seiner reichen Geschichte und Tradition stellen kann und stellen sollte. Die vorliegenden neun Hotelentwürfe sind in der Lage, vor den besten aktuellen Beiträgen zum Thema glänzend zu bestehen.

Mit den hiermit vorgestellten Projekten haben unsere Studierenden die Latte hoch gelegt. An dieser Qualität wird man das neues Jodschwefelbad in Goisern (und das Baugeschehen im Inneren Salzkammergut) messen müssen. Diese Region hat sich einen Architekturdiskurs verdient!

Die Entwurfsaufgabe

Das bestehende Kurhotel

Das bestehende Kurhotel

Bad Goisern am Hallstättersee mit seinen rund 7.500 Einwohnern liegt auf 500 m Höhe im Inneren Salzkammergut. »Die touristische Erschließung der Region begann um etwa 1800. Der wahre Aufschwung fand allerdings erst mit der Einführung der Eisenbahn statt, die so das Gebiet leicht erreichbar machte und es zur Sommerfrische vieler Städter werden ließ.«

Die Jodschwefelquelle war eine der spezifischen Identitäten des Ortes und soll mit dem neuem Projekt wiederbelebt werden. Seit den 1930er-Jahren ist das damalige »Goisern« Heilbad und Luftkurort, erst in den 1950er-Jahren wurde der Beiname »Bad« eingeführt. Heute liegen die touristischen Schwerpunkte vor allem auf Brauchtum und Freizeitaktivitäten. Der Ort weist ca. 14.000 Nächtigungen im Jahr auf.

Die Entwurfsarbeit der Studierenden widmet sich im Sommersemester 2011 dem Thema Hotel in Verbindung mit Kurbetrieb und/oder Wellnessangeboten in Bad Goisern. Es galt, eine Anlage in der Größenordnung von zirka 100 Zimmern (200 Betten) zu entwickeln. Darüber hinaus war ein betrieblich-räumliches Konzept vorzuschlagen, wie das Spezifikum der Jodschwefelwasserquelle des Ortes mit den unausweichlichen Vorgaben eines zeitgemäßen Wellnessbetriebs zu verbinden ist. Die Herausforderung liegt hier in den unterschiedlichen Bedürfnissen der einzelnen Kundenkreise: Die Kurgäste suchen Ruhe und sind für einige Wochen vor Ort, während Gäste des Wellness- und Seminarbetriebs durchaus auch zu kürzeren Aufenthalten und mehr Unterhaltungsangeboten neigen können.

Zusätzlich galt die Entwurfsauseinandersetzung dem Aspekt des Bauens in der Landschaft. Das Innere Salzkammergut war lange geprägt von betuchtem Tourismus in der Form der Sommerfrische. Holz war eines der vielverwendeten Baumaterialien, das sich in einprägsamen Bauelementen wie Veranden, Wintergärten, Salettln immer wieder finden lässt. Die Studierenden waren aufgefordert, die Bautradition in Holz unter Umständen weiterzuschreiben. Entscheidend war die kontextuelle Einbindung der riesigen Baumasse am Ort. Das vorgegebene Grundstück mit einer Größe von 31.000 m², liegt im nördlichen Teil des Gemeindegebiets und ist über eine kurze Distanz von der Bundesstraße her erschlossen. Es wird von einem Bach mit parallel geführter untergeordneter Anliegerstraße durchschnitten. Im Nordosten gibt der Fels der »Ewigen Wand« Rückhalt und nach vorne ins Tal bietet sich ein großartiger Panoramablick von Ost bis West.

Von den neun Projekten lassen sich sechs durchaus als Breitfußtypologie bezeichnen, die sich durch unterschiedliche »Aufbauarchitekturen« unterscheiden. Es lässt sich eine enorme Vielfalt an Antworten auf die Bauaufgabe und den Ort feststellen. Typologisch herauszuheben ist das Projekt »Hotel**** Sommerfrische« von Klaus Michael Scheibl, das sich mit seinen acht »Sommerfrische-Villen« maßstäblich besonders behutsam in die umliegende Bebauung einfügt. Auch der Vorschlag einer Passage im Projekt »Walk the Line« von Silvia Mair stellt einen unkonventionellen Zugang zum vorliegenden Thema dar. Und während sich das »Kurwerk« von Felix Ganzer gleichsam als gebaute Landschaft terrassenartig entwickelt, stellt Patricia Porsch mit dem Projekt »Schwungvoll« einen präzise formulierten und einfühlsam entwickelten Breitfußtypus dar, der das Potenzial hat, der Region einen entscheidenden Impuls zu verleihen.