Meine Kindheit verbrachte ich am Land in einem kleinen Haus mit Garten und Pool. Bei Frau Brunner, dem Dorfladen, durfte ich nachmittags mit meinem Bruder Süßigkeiten kaufen und sonntags traf sich die Dorfgemeinschaft beim Storchenwirt in der Ortsmitte.

Das Gasthaus ist nun seit drei Jahren geschlossen, der Nahversorger verschwand bereits vor knapp zwanzig Jahren. Das Leben auf dem Land, mitten im Grünen – ein Traum, den meine Eltern nun schon über dreißig Jahre lang leben. Eine Qualität, die sie vom privaten PKW abhängig machte. Früher oder später werden sie dieses aber nicht mehr steuern können. Die Einkaufszentren rücken in nahe Ferne. Der Bauer von nebenan verkauft weder Eier noch Milch mehr.

Aufgewachsen im Einfamilienhaus, lernte ich von klein auf die Qualitäten dieser Wohnform kennen. Meine Masterarbeit der Architektur beschäftigt sich im ersten Teil mit den Vor- und Nachteilen dieser begehrten Wohnform, dem Sterben von Ortszentren und dem ungehaltenen Flächenverbrauch durch stetige Bautätigkeiten. Um eine klare Vorstellung über die Entwicklung des ländlichen Raumes in den nächsten Jahren gewinnen zu können, ist eine Grundlagenrecherche zur Raumplanung unumgänglich. Gleichzeitig ist die Beschäftigung mit der Raumplanung eine große Bereicherung, um ihre Zusammenhänge mit der Architektur zu finden und zu verstehen.

Querschnitt AA

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Wo endet Raumplanung? – Wo beginnt Architektur? Bereits Architekten wie Adolf Loos und Frank Lloyd Wright sowie etwas später Roland Rainer beschäftigten sich mit den verschiedenen Siedlungsstrukturen und Wohnformen in ländlichen Regionen: Protagonisten, die auf die Zersiedelung und auf die gedankenlose Verschwendung von Raum als Problem hinwiesen. Dieses wird jedoch von der Gesellschaft weitgehend verharmlost.

Auf Basis von Daten und Fakten sowie historischen und aktuellen Versuchen mit dem Thema der ländlichen Baukultur umzugehen, greife ich im zweiten Teil meiner Masterarbeit meinen Heimatort wieder auf. Es ist ein kleiner Ort in der Nähe von Melk an der Donau in Niederösterreich. Dieser leidet, wie viele andere Dörfer, an strukturellen Problemen. Bestens angebunden durch die Nähe zu Westbahn und Westautobahn und im Grünen gelegen, zieht dieser Ort im Gegensatz zu vielen von Abwanderung bedrohten Gemeinden Niederösterreichs viele neue EinwohnerInnen an. Arbeitsplätze sind Dank Donau, Autobahn und Bahnlinie in den umliegenden Städten zu finden. Diese florieren auf Grund ihrer wirtschaftlich attraktiven Lage ungehalten in die Breite und ihre Gewerbegebiete an die Autobahnabfahrten. Einfamilienhaussiedlungen wohin man schaut, auch auf den weniger kostspieligeren Böden der Dörfer mit Stadtnähe – ohne Nahversorgung, ohne funktionierenden öffentlichen Nahverkehr – wohlgemerkt aber mitten im Grünen, wie mein Heimatdorf: Matzleinsdorf.

Der Dorfkern von Matzleinsdorf hat im Gegensatz zu den Neubausiedlungen, welche durch immer neue HäuselbauerInnen ihren endgültigen Flächenverbrauch noch nicht erreicht haben, seine ursprüngliche Vitalität, die ich als Kind bereits dezimiert erleben durfte, verloren. Nachdem nun seit Jahren jeglicher Nahversorger, Wirt, Geschäft oder Treffpunkt, sowie ein noch nie da gewesener öffentlicher Nahverkehr im Ort fehlt, verliert der Ortskern nach und nach seinen letzten Glanz. Leerstände verwandeln den Ort in ein Museum, das von der Bundesstraße durchschnitten, es scheint – dem Verfall preisgegeben wird.

Um diesem, langsam voranschreitenden Prozess einen Anstoß in die gegenteilige Richtung zu geben, arbeite ich in meiner Arbeit die Potentiale der Ortes, insbesondere jene des Ortskernes und der Gebäudebestände heraus. Es wird eine Vision für die Zukunft geschaffen, welche die Vorzüge und Qualitäten der bestehenden Innenräume, Räume und Zwischenräume im Ortskern unterstreicht, welche dem Straßendorf als Rückrat für die Gemeinde seine soziale Funktion wieder zurückgibt und jenen baukulturell und dorfstrukturell wichtigen Gebäuden im Ortskern eine für ihre dörfliche und gesellschaftliche Position adäquate Nutzung für die Zukunft aufzeichnet. Um zukünftig als Gemeinde bestehen zu können, soll die Monofunktionalität des Ortes durch eine Revitalisierung des Dorfkernes durchbrochen werden.

Eine Rückorientierung der Gemeinde auf die essentielle Bedeutung der Ortsmitte bedeutet auf lange Sicht gesehen eine gesellschaftliche Aufwertung und Attraktivierung des gesamten Ortes, welche wesentlich zur lokalen Wertschöpfung beitragen könnte. Eine Konzentration rund um das Ortszentrums führt zudem zu einer hohen Kostenersparnis in raumplanerischen Aspekten für die Zukunft. Wie Thomas Sieverts, Architekt und Städtebauer, in seinem Buch ‚Zwischenstadt‘ beschreibt, wäre es nicht mehr notwendig weitere Flächen zu versiegeln: »Rational und ökonomisch betrachtet, haben wir insgesamt schon zu viel Gebautes, das zudem nur für verhältnismäßig kurze Zeiten des Tages bzw. des Jahres genutzt wird (1998, 21).«